Nierenerkrankungen und Nierenschädigungen bei Fischen

Kürzlich ging in unserem Zierfischkrankheitenforum folgende Fragestellung ein:
http://www.zierfischforum.at/ranchuweibchen-wird-immer-dicker-t29968,highlight,ranchu+dicker.html
Ein Ranchuweibchen kämpfte bereits seit Tagen mit zunehmender Leibesfülle. Alle Überlegungen, ob es sich um Laichansatz handeln könne, wurden letztlich verworfen, da der aufgeblähte Bauch im Gegenlicht stark flüssigkeitsgefüllt erschien, wie folgende Bilder belegen sollen:
 

 

 

Natürlich kam der Gedanke auf, ob es sich um Bauchwassersucht handeln könne. Nun, im Grunde ist diese Überlegung nicht falsch, denn auch bei den als Bauchwassersucht umschriebenen Infektionskrankheiten kommt es durchaus auch zu massiven Flüssigkeitseinlagerungen infolge einer beeinträchtigten Nierenfunktion. Da jedoch Symptome wie Schuppensträube, weißer Kot, Glotzaugen und Apathie gänzlich fehlten, war eine durch Bakterien oder Viren hervorgerufene Bauchwassersucht eher unwahrscheinlich. Der Fisch zeigte gesundes Freß- und Sozialverhalten. Es kam zunehmend die Hypothese auf, daß es sich um eine Organschädigung handelte und so wurde der Fisch einer Fachtierärztin zur Untersuchung vorgestellt. Die Fachtierärztin konnte diesen Verdacht bestätigen und meinte, daß es sich möglicherweise um eine zystische Veränderung an der Niere handeln könnte und dadurch derart massiv Flüssigkeit im Körper eingelagert wurde. Sie führte am Fisch eine Punktion (Flüssigkeitsabsaugung mittels Nadel) durch und verordnete Salzwasserkurzbäder um erneute Flüssigkeitseinlagerungen zu bremsen. Eine dauerhafte Genesung würde der Fisch aber wahrscheinlich nicht erleben. Hier ein Foto nach der Punktion des Fisches – er wirkt zwar kantig, hat den Eingriff jedoch gut überstanden – dank der Salzbäder kann sein Leben nun noch um einige Zeit verlängert werden:

Update: Die Anfrage kam im Oktober 2006 herein - der Fisch verstarb im April 2007. Mithilfe der Punktion und den regelmäßigen Salzbädern konnte sein Leben um etwa ein halbes Jahr verlängert werden

Update August 2007: ein interessanter Link über den Krankheitsverlauf und die tierärztlichen Behandlungsverfahren bei einem Goldfisch mit cystisch bedingter Nierenfunktionsstörung: http://thegab.org/Articles/CystAspiration.html

Über die Ursachen von Nierenerkrankungen und -schädigungen:

Hier die durch bakteriellen Befall erkrankte Niere eines Lachses, die stark angeschwollen ist:

(Original zu sehen auf: http://oregonstate.edu/dept/salmon/projects/salmon-bacteria.html)

 Dr. Untergasser schreibt in seinem Buch “Krankheiten der Aquarienfische” (2006) ab S. 148, daß Geschwülste und Tumore durch unkontrollierte Zellteilung hervorgerufen werden. Die Ursachen dafür können eine genetische Veranlagung, Hormonstörungen oder die Aufnahme cancerogener (krebserregender) Stoffe sein.

Zysten, als spezieller Typus von Geschwülsten, bilden sich meist um Fremdkörper im Gewebe einzukapseln. So schließen sie nicht selten Reste von hartschaligen, borstigen Futtertieren ein, die die Darmwand durchdringen, aber auch Parasiten und Bakterienherde (z.B. Mycobakterien, die die Auslöser von Fischtuberkulose sind). Weiters gibt es noch sogenannte “Cystome”, die häufig Leber, Milz oder Niere beeinträchtigen – diese entstehen ohne Fremdeinwirkung und können sehr groß werden, da sie oft mit Flüssigkeit gefüllt sind. Untergasser schreibt, daß Cystome mit Bauchwassersucht verwechselt werden können. Wenn Nierengeschwülste sich häufen, sollte das Aquarien- oder Teichwasser laut Dr. Untergasser dringend auf cancerogene Stoffe untersucht werden. Cancerogene, genauer gesagt karzinogene (bösartige Tumore hervorrufend) Stoffe können sich im übrigen auch in Form von Aflatoxinen in überlagertem oder schimmligen Futter bilden (ebenda, S.153). Deshalb sollten Trockenfuttersorten, in denen sich ja bereits wenige Monate nach Anbruch zersetzende Prozesse eingestellt haben, nicht mehr verfüttert werden.

In der Dissertation von Dr. Ina Rheker auf S.143 ist nachzulesen, daß als häufige Ursachen für krankhafte Veränderungen der Nieren übermäßige Pigmentablagerungen, Verstopfung der Kanälchen durch Parasiten, sowie Verödung und Überdehnung in Form einer “Cystenniere”, weiters Kristallablagerungen (v.a. Urate= Salze der Harnsäure), versprengte Schilddrüsenwucherungen und Tumore zu nennen sind.
http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/rhekeri_2001.pdf


Dr. Roland Bauer erwähnt auf S. 52–53 seines Werkes “Erkrankungen der Aquarienfische” (1991), daß es bei Weichwasserfischen, die in hartem Wasser gehalten werden, sehr häufig zur Einlagerung von Calciumphosphat in die Nierenkanäle kommt, was dadurch entsteht, daß durchs Wasser und Futter aufgenommene Calciumionen nicht mehr über die Niere ausgeschieden werden können. Die Folge davon kann eine Entzündung bzw. ein Totalversagen der Niere sein.


Eine Untersuchung von Prof. Schmahl (Universität Düsseldorf) ergab, daß eine häufige Fütterung salzhaltiger Futterarten (z.B. Artemia salina) zu Nierenschädigungen führen kann; Alexander Schuhmacher verweist darauf in seiner Homepage:
http://www.bddclan.de/guppy/index.php?content=for2


Die Dissertation von Frau Dr. Claudia Meyer beschäftigt sich mit den Auswirkungen einer parasitär bedingten Nephritis (Nierenentzündung) auf die klinisch-chemischen Parameter in Blut und Urin bei Spiegelkarpfen:
http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=964342766&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=964342766.pdf
Auf S. 11–12 kann man sich näher über die Anatomie der Fischniere – hier im Speziellen die Nieren (Kopf- und Rumpfniere) des Karpfens – informieren. Die Niere ist im übrigen unerläßlich zur Osmoseregulation bei Süßwasserfischen.
(Müssen Fische trinken? Osmoseregulation bei Fischen: http://www.vaz.ch/index.php?id=138 )


Zystische Veränderungen an den Nieren werden nicht selten durch Parasiten wie Myxosporea hervorgerufen, die dann in Organen verkapselt werden und zur Zystenbildung führen. Ein solcher Myxosporea- Erreger, der Erreger Hoferellus carassi etwa, verursacht z.B. bei Goldfischen und Karpfen eine sogenannte «Infektiöse Nierenvergrößerung» (kidney enlargement disease):
http://journals.tubitak.gov.tr/biology/issues/biy-99-23-2/biy-23-2-8-97015.pdf


Auch Bauchwassersucht ist im weiteren Sinne zu den Nierenerkrankungen zu zählen – allerdings ist zu beachten, daß es keine spezifische Krankheit mit der Begriffsbezeichung “Bauchwassersucht” als solches gibt. Der Begriff umschreibt lediglich das äußerliche Erscheinungsbild einer Symptomatik, die gänzlich verschiedene Ursachen haben kann. Sehr häufige Auslöser für Bauchwassersucht sind verschiedene pathogene Bakterienarten oder Viren, die neben anderen Wirkungsorten im Fischkörper auch die Niere angreifen.
Die meisten Aquarianer kennen inzwischen das Erscheinungsbild dieser gefürchteten “Erkrankung”, nämlich:
Aufgequollener Leib, gesträubte Schuppen, sehr häufig auch Glotzaugenbildung, usw.
http://www.drta-archiv.de/Diagnose/Krankheiten/bauchwassersucht.shtml


In jedem Fall sollte bei Verdacht auf eine Nierenerkrankung ein Fachtierarzt zu Rate gezogen werden, denn nur dieser kann abklären, ob es sich dabei um eine reversible oder irreversible Störung handelt.
Zudem muß abgeklärt werden, ob die Erkrankung ansteckend (z.B. durch parasitäre Sporozoen, Bakterien etc...verursacht) ist oder nicht (z.B. Tumor, Verstopfung der Nierenkanäle durch Calciumphosphat,...).
Der Fachtierarzt kann zudem informieren, ob durch Veränderungen der Lebensbedingungen weitere Krankheitsfälle vermieden werden können und, durch welche Maßnahmen man dem Fisch in richtiger Art und Weise Erleichterung und Behandlung verschafft.
http://zierfischforum.at/wiki/Fischuntersuchungsstellen?v=7e1

Autorin des Artikels: Irene Labner