SCHÄDELKULT                                                                                                                    

(Ein Referat von Irene Labner, 2004)

Zitat:

„Den gefallenen Feinden schlagen sie die Köpfe ab und hängen diese ihren Pferden an den Hals; die erbeuteten Waffen übergeben sie ihren Dienern, und obwohl sie blutverschmiert sind, führen sie die Trophäen unter Hymnen und Siegesgesängen mit sich. Diese Kriegsbeute nageln sie dann an (die Eingänge) ihrer Häuser an, gerade so, als ob sie auf der Jagd Wild erlegt hätten. Die Köpfe der vornehmsten Feinde balsamieren sie ein und bewahren sie sorgfältig in einer Truhe auf. Wenn sie sie den Gastfreunden zeigen, brüsten sie sich, dass für diesen Kopf einem ihrer Vorfahren, ihrem Vater oder auch ihnen selbst viel Geld geboten worden sei, sie es aber nicht genommen hätten. Einige von ihnen sollen sogar damit prahlen, dass sie Gold im gleichen Gewicht für den Kopf nicht angenommen hätten: damit beweisen sie eine barbarische Art von edler Gesinnung. Denn die Beweisstücke der Tapferkeit nicht zu verkaufen ist noch kein Zeichen von edler Art; aber Verhalten wilder Tiere ist es, gegen Wesen gleicher Gattung noch nach ihrem Tod feindselig zu sein.“

Diesen Bericht über den Trophäenkult der Kelten lieferte Diodoros aus Argyrion, der im 1. Jh. v. Chr. lebte. Inhaltlich übereinstimmende Beschreibungen stammen außerdem von griechischen und römischen Gelehrten wie Poseidonos von Apameia, Polybios von Megalopolis, Strabon und Titus Livius.
Im speziellen Strabon äußerte sich sehr brüskiert und angewidert über diese gallische Sitte. Er berichtet auch davon, dass die Römer den Trophäenkult, wie auch andere Opfer- und Orakelbräuche zunehmend abschafften, da sie nicht ihren Moralvorstellungen entsprachen.
Die jeweils vorherrschenden Moral- und Wertvorstellungen sind es auch, die darüber entscheiden, ob und in welcher Art und Weise ein Volk bzw. eine Kultur Schädelkulte zulässt.
Ich denke, dass es wahrscheinlich kaum jemals ein Volk gegeben hat, dass nicht in irgendeiner Form die zeremonielle Einflechtung des menschlichen Kopfes oder Schädels in kultische Rituale oder Gebräuche kannte und auch eine zeitlang praktizierte.
Dabei ist es essentiell Unterscheidungen zu treffen, was die Beweggründe und Praktiken des jeweiligen Schädel- oder Kopfkultes anlangt, z.B. ob er aus religiösen Gründen praktiziert wurde, oder ob er eine kriegerisch motivierte Maßnahme darstellt. Hier tut sich allerdings die Frage auf, ob nicht auch in diesen Kriegsmaßnahmen eine Art von Ritualisierung steckt.
Es gilt außerdem die Begriffe „Kult“ und „Kultgegenstand“ auseinander zu halten. Im Schädelkult beispielsweise ist der Schädel im Zentrum des Kultes, während Schädel bzw. Schädelteile aber auch Kultgegenstände, wie etwa Fetische, darstellen können, welche nur ein Mittel für die Durchführung eines Rituals sind. Letzteres zeigt sich etwa im tibetischen Buddhismus – hier wurden in tantrischen Zeremonien Schädelbecher verwendet um dämonische Gottheiten zu identifizieren, da sie Attribute dieser Gottheiten repräsentieren sollen.
In archäologischen Befunden ist diese Differenzierung allerdings schwer zu treffen, daher werden diese beiden Begriffe auch in den folgenden Ausführungen zusammengefasst bleiben.


Doch welche verschiedenen Schädel- bzw. Kopfkulte sind weltweit in der jüngeren und älteren Geschichte anzutreffen?
Es existieren etwa Ahnenkulte, in deren Zentrum die Anbetung des Schädels steht bzw. bei denen der Schädel durch Aufbewahrung in Beinhäusern einen Sonderstatus erhält – man denke dabei an die auch im Alpenraum lange Zeit üblichen Karner, wie etwa in Hallstatt, wo die Schädel liebevoll bemalt aufeinander geschlichtet wurden.
Eine besondere Form der Ahnenverehrung pflegen z.B. die Andamaner, welche auf einer Inselgruppe im Golf von Bengalen leben. Sie tragen den Schädel eines verstorbenen Verwandten an einem Band befestigt am Rücken mit sich.
Den Ahnenkulten sehr ähnlich sind Reliquienkulte, wie sie etwa im Mittelalter in Europa verstärkt aufkamen. Hier sprach man den Gebeinen, von denen man verbissen glaubte, sie würden von Heiligen stammen, heilende und schützende Wirkung zu. Man hüllte Heiligenhäupter in edle und verzierte Stoffe und verehrte sie als Personifizierung des verstorbenen Würdenträgers. Dabei galt der Schädel als besonders wertvolle Reliquie, da man den Kopf als Hauptsitz der Kräfte sah.
Kopf- oder Schädelkulte nehmen mitunter recht obskure Erscheinungsformen an.
Von Henriette de Cléves etwa wird berichtet, sie hätte den einbalsamierten Kopf ihres Geliebten als Andenken aufbewahrt. Dieser war aufgrund seiner Teilnahme an revolutionären Umtrieben 1574 enthauptet worden.
Zwar aus dem Reich der Legenden, nämlich der alt-isländischen Völsunga-Saga entsprungen, jedoch auch ein eigenartiger Schädelfetisch ist der Kopf des weisen Eruliers, den Sigmund, einer der Wälsungen-Zwillinge, in einer Höhle findet, den er in einer Holzkiste aufbewahrt und der Sigmund prophetische Antworten auf seine Fragen gibt.

Diesen Totenverehrungsriten gegenüber stehen jedoch Trophäenkulte wie die Zurschaustellung der Köpfe von Enthaupteten, die Anfertigung von Schrumpfköpfen der Feinde, wie beispielsweise bei den Dajak auf Borneo oder bei den Jivaro in Südamerika, oder das Verspeisen des Gehirns, wie es von anthropophagen Kulturen berichtet wird.
Von den nordindischen Nagas, welche die Kopfjagd bis in die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts pflegten, wird berichtet, dass die jungen Männer erst dann als erwachsen galten, wenn sie den Kopf eines getöteten Feindes vorweisen konnten. Insofern galt die Kopfjagd als eine Art des Initiationsritus.
Die erbeuteten Köpfe wurden anschließend auf Bambusstangen gespießt und an Bäume gelehnt, damit die Weichteile besser verwesen konnten. Es wurden häufig auch Bambusspießchen in die Augen der Köpfe gesteckt und manche erhielten sogar noch einen Kopfschmuck aus Hörnern oder Grasbüscheln aufgesetzt. Wenn die Köpfe verwest waren, wurden sie zur weiteren Aufbewahrung in die Wohnhäuser gebracht.
Zur Enthauptung ist generell zu sagen, dass diese bis in die jüngere Neuzeit übliche Form der Todesstrafe sich möglicherweise aus dem Tier- bzw. Menschenopfer herauskristallisiert hat. Insofern besitzt sie auch eine Art Ritualcharakter – sie ist die eindrucksvollste Disziplin der Todesstrafe, welche seit der Antike als Bestrafung von Kapitalverbrechen galt .
Mergenthaler schreibt:
„..Mit der Enthauptung untrennbar verbunden scheint immer schon das Präsentieren des abgeschlagenen Kopfes zu sein – im Mythos ebenso wie in der historischen Wirklichkeit politisch-juridischer, militärischer oder kultisch-religiöser Zusammenhänge...Indem das Haupt vom Rumpf getrennt wird, geht die organische Einheit des lebendigen Körpers für immer verloren, und der Kopf, der vor dem Schnitt zugleich alles war, was er vorstellte, geht nun, vollständig in der Zeichen-Funktion auf..“
Die Enthauptung ist einerseits eine Strafe um schwere Vergehen, wie etwa Hochverrat öffentlichkeitswirksam zu rächen, zum anderen ist sie ein Machtmittel, das etwa in Kriegzeiten immer wieder angewendet wird um unterlegene Gegner zu vernichten und als Personen auszulöschen.
Erst wenn der unversehrte Körper oder Leichnam durch das Abtrennen des Kopfes, in dem der Geist des Opfers weilt, quasi entehrt wurde, wurde auch die betreffende Person als solches vernichtet. Solange dies nicht geschieht, könnte der Tote an seine Leichenstätte zurückkehren und die Lebenden heimsuchen – insofern bemächtigt sich der Sieger seines unterlegenen Feindes durch Schändung dessen Integrität.
Wahrscheinlich liegt in diesem Ursprung auch der Aberglaube begraben, dass sich gewisse Vampire und Dämonen nur durch Enthaupten auslöschen lassen, was sich heutzutage im Horrorgenre wiederspiegelt.
Viel unheimlicher jedoch als die Enthauptung von Dämonen erscheint mir allerdings die Selbstenthauptung, wie sie aus indischen Höhlentempeln bekannt ist. Daß dies keine Unmöglichkeit darstellt, zeigt ein Fall in der jüngsten Vergangenheit. 1997 wurde einem jungen Polen postmortal der vierte Platz des jährlich verliehenen Darwin-Award für originelle Todesarten zuerkannt. Krystof Azninsky trennte sich nämlich wodkatrunken im Wettstreit mit seinem Freund den Kopf mit einer Kettensäge ab.

Auch zum Überbegriff Schädelkult hinzuzurechnen, ist die Weiterverarbeitung von Teilen des Schädels zu Artefakten oder Arzneien.
Bekannt sind z.B. Trinkschalen aus Schädelkalotten, wie sie von der Steinzeit bis in die Neuzeit herauf in verschiedenen kulturellen Zusammenhängen zu finden sind. Auf solche Trinkgefäße trifft man meist im Kontext von religiösen Riten – vom tibetischen Buddhismus, über das Christentum bis hin zum neuzeitlichen Satanskult.
Apotheker-Ordnungen des 16. – 18. Jahrhunderts verweisen auf eine Verwendung von Teilen der Hirnschale für diverse Arzneien, was den Gedanken nahe legt, dass dem Schädel auch außerhalb des Reliquienkultes heilende Wirkung zugesprochen wurde.
Ob man Schädeltrepanationen auch noch als kultische Handlungen bezeichnen könnte, ist fraglich. Sie haben einerseits medizinische Gründe, zum anderen ist es nicht unwahrscheinlich, dass auch rituelle Gründe zu diesen Trepanationen geführt habe, z.B. um einen bösen Geist aus dem Schädel schlüpfen zu lassen.
Fest steht, dass die Öffnung des Schädels am lebenden Menschen seit dem Neolithikum bekannt ist und aus Beobachtungen bei Naturvölkern wie etwa den Kisii weiß man, dass ein relativ großer Heilungserfolg besteht. Es gibt auch Belege, dass aus den Trepanationsscheiben mitunter Amulette hergestellt wurden, z.B. das urnenfelderzeitliche Schädelamulett aus der Lupberghöhle in der Oberpfalz, das seinerseits mit 64 Lochungen versehen ist , oder eine dreifach gelochte Trepanationsscheibe aus Büchenbach . 


Einige Beispiele für vorzeitliche Schädelkulte:

PALÄOLITHIKUM/ MESOLITHIKUM:

Monte Circeo; „Grotta Guattardi“ (Italien)
Bei den Ausgrabungen zwischen 1936 und 1953 stieß man hier auf einen von Knochen umgebenen Neandertalerschädel auf einem ovalen Steinkranz.
Der Schädel weist gewaltsame Einwirkungen auf, die zum Tod des Menschen geführt haben sollen. Das Hinterhauptsloch ist intentionell erweitert.
Es ist fraglich, ob es sich hier um die Überreste einer Totenzeremonie oder um eine Kannibalenmahlzeit handelt.

Le Placard (Frankreich):
Hier wurden in den jungpaläolithischen Schichten einer Höhle, speziell aus der oberen Solutréen-Schicht, mehrere Schädelteile, sowie eine Schädeldeposition entdeckt. Aus der unteren Magdalenienschicht barg man weitere fünf Schädel, welche beieinander gelegen haben, zudem einen mit Muschelschmuck versehenen Frauenschädel und andere Schädelteile. Besonders erwähnenswert sind zwei zugeschnittene Schädelkalotten, welche an Schädelbecher erinnern.

Ofnet-Höhlen, Nördlinger Ries (Schwaben, Deutschland):
1907/1908 wurden in den Ofnet-Höhlen zwei Gruben ausgehoben. In einer der Gruben lagen 27 Schädel, in der anderen 6 Schädel, sowie Unterkiefer und Halswirbel. 20 Schädel stammen von Kindern und Jugendlichen, neun von Frauen und vier von Männern. Die Gesichter waren einheitlich nach Westen ausgerichtet, die Erde in den Gruben war stark mit Ocker durchsetzt, die Köpfe der Kinder und Frauen waren reich mit Hirschgrandeln und Schneckengehäusen geschmückt. Den Schnittspuren zu entnehmen, wurden die Köpfe unmittelbar nach dem Tod abgetrennt, was für eine rituelle Kopfdeponierung spricht.
Leider lässt sich der Fund nicht exakt datieren, allgemein wird er jedoch der Zeit zwischen 11.000 v.Chr. bis 6000 v.Chr. zugeordnet.


NEOLITHIKUM:

Taubach (Thüringen, Deutschland):
In einer Siedlungsgrube bei Taubach befand sich eine Schädeldeposition eines etwa zweijährigen Kindes, allerdings ohne Unterkiefer. Über den Schädel war ein stichbandkeramisches Tongefäß gestülpt, was darauf schließen lässt, dass es sich hier entweder um eine Art Totenkult oder aber eine Schädeltrophäe handelt. Möglich wäre allerdings auch eine Deposition im Rahmen eines religiösen Rituals, wie beispielsweise einer Form von Fruchtbarkeitsmagie. Einen ähnlichen Befund fand man in Quedlinburg (Sachsen-Anhalt).

Ilsfeld (Baden-Württemberg):
Zwischen 1974 und 1979 wurde in Ilsfeld eine befestigte Siedlung der Michelsberger Kultur ergraben werden. Dabei stieß man auch auf den Schädel eines robusten, etwa 30-40jährigen Mannes, der zwei unverheilte Hiebspuren, sowie eine Erweiterung des Hinterhauptsloches, aufwies.
Zudem wurde die Schädeldecke mit einem spitzen Gegenstand von innen nach außen hin durchstoßen, was den Schluß nahe legt, das es sich hierbei um eine Schädeltrophäe handelt, welche vermutlich auf einen Stock aufgespießt wurde.
Spuren von Verwitterung deuten zudem darauf hin, dass diese Trophäe sehr lange irgendwo im Freien aufgestellt war.


Der keltische Schädelkult:

Sehr gute Untersuchungen gibt es inzwischen zum Schädelkult der Kelten:
Sehr bekannt sind z.B. Heiligtümer wie Gournay-sur-Aronde, Ribemont-sur-Ancre, Roquepertuse, Entremont. In ihnen wurden zum einen Menschen in religiösen Zeremonien den Göttern geopfert, zum anderen wurden dort auch die Köpfe ganzer Gruppen von getöteten Feinden ausgestellt.

Das Heilgtum von Gournay-sur-Aronde (nordöstlich von Paris, Frankreich):
Das Heiligtum war von einem Graben und Palisaden umgeben, die mit Menschen- und Tierschädeln geschmückt waren. Innerhalb dieser Anlage befanden sich diverse Opfergruben, in denen sich die Reste von verzehrten Opfertieren erhalten haben.
Neben der Opferung von Waffen und Tieren wurden aber auch Menschen geopfert.
Die in der Anlage aufgefundenen menschlichen Skelettreste wiesen Spuren von Enthauptungen auf. Bei den abgetrennten Schädeln wurde das Hinterhauptloch jeweils erweitert um Gehirn und Weichteile zu entfernen. Anschließend wurden die Schädel zur Schau gestellt und teilweise auch in der Nähe des Eingangs aufgehängt.


Relevante Literatur:

Abels B.-U., Schädelbruchstücke aus Kellergruben von der Ehrenbürg. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 1989, (Stuttgart) 1990

Barring Ludwig, Die Todesstrafe in der Geschichte der Menschheit, (München) 1967

Breitinger Emil, Das Kalvarium aus dem späturnenfelderzeitlichen Wall von Stillfried an der March,. In: Forschungen in Stillfried 2 – 1976, Veröffentlichungen der Österreichischen Gesellschaft für ur-und Frühgeschichte, Band IX, (Wien), 1976

Doubek Katja, Lexikon merkwürdiger Todesarten, (Frankfurt a.M.) 2000

Eibner Clemens, Eine späturnenfelderzeitliche Grube unter den Aufschüttungen des Westwalles von Stillfried – Zum Befund einer Schädeldeposition. In: Forschungen in Stillfried 2 – 1976, Veröffentlichungen der Österreichischen Gesellschaft für ur-und Frühgeschichte, Band IX, (Wien), 1976

Frenking Elisabeth, Ein heiliger Brauch oder eine grausame Jagd nach menschlichen Schädeln: Literarische Quellen und archäologische Hinterlassenschaften zum Schädelkult der Kelten – Ein Vergleich, Diplomarbeit, (Innsbruck) 2000

Haffner Alfred, Heiligtümer und Opferkulte der Kelten, (Stuttgart) 1995

Mergenthaler Volker, Medusa meets Holofernes, (Bern) 1997

Rind Michael M., Menschenopfer: Vom Kult der Grausamkeit, 2.Aufl, (Regensburg) 1998

Sprockhoff Joachim Friedrich, Die feindlichen Toten und der befriedete Tote. In: Stephenson Gunter (Hrsg.), Leben und Tod in den Religionen – Symbol und Wirklichkeit, (Darmstadt) 1980